Sonntag, 7. Februar 2016

Sonderfarben beim Labrador

Der hohe medizinische Preis für einen „Exoten“ am Beispiel der Sonderfarben unter den Labradors
Die Geschichte eines Mythos..

Für mich als Labrador Liebhaber, aber auch als Wissenschaftlerin, ist es nicht verständlich und nicht erklärbar, warum Menschen unbedingt einen „Exoten“ zu überteuertem Preis kaufen, der sich dann Labrador „charcoal“ oder gar „silber“ nennt. Farbschläge, die aus braun und schwarz resultieren. „Champagner“ aus dem Farbschlag gelb.
Schaut man in einschlägigen Foren, auf Züchterseiten und in Facebook-Gruppen, so trifft man fast ausschließlich auf Menschen, die auf Erkrankungen und Wesensabnormitäten der Hunde nur mit heftigem, verneinendem Kopfschütteln reagieren und mit den Worten: Ihr seid ja nur neidisch, weil ihr nicht etwas Besonderes besitzt!.

Fakt ist: Es gibt keinen reinrassigen Labradore in der Farbe „charcoal“, „silber“, oder „champagner“.
Aber nehmen wir mal wissenschaftlich einen Blick auf die Geschichte dieser Farben und auf die Genetik mit ihren heutigen Möglichkeiten und Erkenntnissen.
Im September 2015 gab es erstmals eine anerkannte Veröffentlichung in den USA von Jack Vanderwyk zum Thema der „Dilutes“ unter den Labbis.
Nach dieser Recherche kamen tatsächlich alle „Sonderfarben“ aus dem bekannten Labrador Kennel „Kellogg“ in den USA. Dieser Kennel gilt offiziell als alleinige Herkunft der „Dilutes“.
Die Familie Kellogg züchtet seit den 1920er Jahren Labradors. Mayo Kellogg hat demzufolge im Alter von nur 8 Jahren begonnen, Labradors mit Pointern zu verpaaren. Mayo wollte die Optik des Labbis mit einem Pointer aufwerten.
Jedoch kam der eingekreuzte Pointer nicht aus bekannter Zucht, sondern kam aus South Dacota und dieses Tier trug optisch eindeutige Züge eines Weimaraners. Diese Optik bestätigte sich bei näherer Recherche.
Es war ein Labrador, der mit einem Weimaraner gekreuzt wurde, um wie ein „Pointing Labrador“ auszusehen und genau dieses Tier floss in die Zucht der Familie Kellogg ein.
Mayo Kellogg aber, verbrachte die nächsten 40 Jahre nach der ersten Verkreuzung von Delutes damit, die Rasse zu perfektionieren. Mangelnde genetische Erkenntnisse und das Wissen um erbgenetische Schwierigkeiten taten Probleme auf, derer man auch heute nicht Herr wird.
Die Labradors in den Sonderfarben (Dilutes) wurden vom AKC (American Kennel Club) in den frühen 1980er Jahren in die Zuchtbücher aufgenommen. Ein fataler Fehler gesundheitlich betrachtet, den der AKC nicht revidieren konnte, ohne sein Ansehen schwer zu schädigen. So wurden bis heute nur hohe Zuchtauflagen vorgenommen, um größere Schäden zu vermeiden. Jedoch erkennt der AKC an, mit der Zulassung der „Dilutes“ einen Fehler großen Ausmaßes begangen zu haben.
In den USA wird ein gesteigerter Wert auf „Zuchthygiene“ gelegt, um das Auftreten der unerwünschten Erkrankung CDA zu verhindern.

Schaut man aktuell in die weltweite Labrador Data Base, erkennt man, dass 99,3% a l l e r sogenannten „Sonderfarben“ aus dem Pool der Familie Kellogg abstammt. Von 2.471 registrierten Tieren gehören lediglich 17 n i c h t in die Linie der Familie Kellogg.

Der Verbreitung von CDA wird durch eine unkontrollierte Zucht in Europa Vorschub geleistet. Es entstehen Schäden, die sich zumindest deutlich vermindern lassen, wenn nicht gar komplett umgehen.

Wenden wir uns als der Genetik zu.
Ich versuche, es einfach zu erklären. Gene bauen sich auf wie Dominosteine. Eine Hälfte des Steins wird dabei vom Vater, die zweite Hälfte vom Muttertier vererbt.
Da auch die Eltern wieder von ihren Eltern diesen „Dominostein“ erbten, bleibt es dem Zufall überlassen, welche Seite des Gens an die jeweiligen Nachkommen vererbt werden.
Das sogenannte „Dilute-Gen“ ist ein Gen, welches eine Verdünnungsfunktion der Farbe in sich trägt. Das Dilutionsgen wird als „D-Lokus“ bezeichnet. Die beiden Hälften des Gens (Dominostein) bezeichnet man als Allele. Ein gesundes Gen trägt auf beiden Hälften die Bezeichnung „D“. Eine mit einem Gendefekt behaftete Hälfte wird mit „d“ gekennzeichnet.
Ein Züchter kann nun einen Gentest im Labor anfertigen lassen. Dieser Test wird zeigen, ob ein Hund die Gen-Teile D/D trägt. Es handelt sich dann um ein gesundes Tier, welches keine Dilution (Farbverdünnung) vererbt und damit keinen Gendefekt.
Trägt ein Hund die Gen-Teile D/d, so trägt er einen Teil eines mutierten Gens, also eines Gendefekts. Das Tier selbst zeigt keine Dilution, kann aber bei Verpaarung mit einer 50%- Wahrscheinlichkeit das Dilute-Gen und damit den Gendefekt auch vererben. Diese Tiere bezeichnet man als „Träger“.
Trägt ein Hund jedoch d/d, so sind alle weiteren Tests nicht mehr von Belang! Das Tier trägt den Gendefekt im vollen Umfang, da er von beiden Elternteilen eine Hälfte der Dilution vererbt bekam. Die Dilution vererbt sich autosomal rezessiv, was bedeutet, dass nur reinerbige Tiere (d/d) die Auswirkungen des Gendefekts zeigen. Man bezeichnet diese Tiere als sogenannte „Zeiger“.
Die letzte Möglichkeit besteht darin, dass ein Hund verdeckt „d/d“ trägt. Das ist der Fall bei cremefarbenen Tieren, die basierend auf der Trägerschaft des E-Allels cremefarben sind. Aber diese Erläuterung wird in diesem Thema zu weitschweifend.
Sie wundern sich, dass ich das Dilte-Gen als „Gendefekt“ bezeichne? Kann man getrost immer dann tun, wenn wir von einer Hunderasse – wie eben unserem Labrador – sprechen, der von Natur kein Dilute-Gen trägt. Es ist also eine Form der Gen-Unverträglichkeit, bzw. Mutation, eine Anomalie, die ein Krankheitsbild hervorruft.
Wie immer rächt sich die Natur, wenn der Mensch massiv in die Genetik einzugreifen versucht.
Die Erkrankung CDA (Color delution alopecia), auch blue dog disease genannt.
- Als “blau” bezeichnet man die Farbmutationen im Bereich der Labbis “silber” und auch “charcoal”.
Die CDA kann bei den Labbis auf alle Sonderfarben – in diesem Fall auch auf champagner (falb)- zutreffen.
Die ungewöhnliche Fellfarbe wird durch eine Farbmutation hervorgerufen, wie wir gerade nachlesen konnten.
Das Dilute Gen kann zu einer Farbaufhellung und zu einer Verhornungsstörung der Haut führen. Das Gen führt zu einer abnormalen Verfärbung der Haare, es verklumpt. Die Haare sind dünn und brechen leicht, oder fallen komplett aus (Alopezie – Haarausfall). Die damit einhergehende Keratinisierungsstörung führt unweigerlich zu schwersten Hautproblemen und rezidivierenden Entzündungen.
Durch die rezessive Vererbung müssen beide Elterntiere „d/d“ sein, um die Prädisposition für die CDA zu vererben.
Wohl gibt es einen entsprechenden Gen-Test, um das Vorhandensein beidseits mutierter Gene zu erkennen.
Einen Gentest für das Vorhandensein CDA gibt es aber leider bis heute nicht und wird es auch weiträumig nach Aussage von Prof. Dr. Tosso Leeb von der Uni Bern – Institut für Genetik nicht geben. Wissenschaftlich ist ein solcher Test leider noch nicht umsetzbar.
Wir sind jetzt beim Thema „Zuchthygiene“. Da es keinen genetischen Ausschluss der CDA gibt, kann man als Züchter im Grunde nur schauen, dass man niemals Elterntiere verpaart, die beidseits Träger „d/d“ sind.
Allenfalls eine Verpaarung „D/d“ mit „D/d“ würde ein Auftreten der CDA etwas minimieren. Eine Verpaarung „D/D“ mit „D/d“ würde die Krankheit deutlicher verhindern, bedeutet für den Züchter jedoch das „Risiko“, dass der gefallene Wurf nicht die „gewünschte“ Farbe hat und damit auch nicht den angepeilten finanziellen Erfolg zeigt.

Wie zeigt sich die Erkrankung CDA?
Die Erkrankung ist im frühen Alter nicht sichtbar. Erste Auffälligkeiten stellen sich frühestens im Alter von 6 Monaten ein, in der Regel aber erst etwas zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr.
Das Fell des Tieres scheint trocken und schuppig. Es kommt zu Haarausfällen (permanent und verstärkt) vor allem im Bereich des Rückens. Es kommt zu starken Entzündungen der Haut mit schwerem Juckreiz.
Der Gang zum Tierarzt ist für die Halter der betroffenen Tiere zumeist unbefriedigend, denn diese Erkrankung ist unter Veterinären noch weitestgehend unbekannt, da sie viel zu speziell ist. Leider wird oft auf eine Allergie diagnostiziert. Futterumstellung, Gaben von Kortison und weitere entsprechende Maßnahmen zeigen keine, bis wenig dauernde Wirkung.
Ein unschöner Kreislauf für Hund und Halter beginnt.
Ein versierter Tierarzt kann durch ein Trichogramm (Haaranalyse) einen ersten Verdacht eingrenzen. Endgültige Sicherheit bringt jedoch nur eine histologisch untersuchte Biopsie der betroffenen Hautstellen.

Ist die CDA heilbar?
N E I N !

Eine mindestens vierwöchige Gabe von Antibiotikum wird die Entzündung der Haut für einen gewissen Zeitraum eindämmen. Diese Gabe muss regelmäßig in vorgegebenen Abständen (spätestens beim Auftreten neuer Entzündungsherde) wiederholt werden. Der Haarverlust ist irreversibel – der Hund bleibt „kahl“.
Die Haut des Tieres und das Fell müssen ein ganzes Leben sorgfältig gepflegt werden. Dazu gibt es spezielle Shampoos und Lotionen für die Haut.
Der permanente Juckreiz erfordert eine langfristige (bis lebenslange Gabe) von juckreizhemmender Medikamente.
Das Tier leidet und das Tag für Tag!!!

Persönliches Fazit:
Eine Eindämmung der Erbkrankheit CDA ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich! Diese Voraussetzungen werden aber aus zwei Gründen nicht umsetzbar sein:
a) Es gibt in den einschlägigen Verbänden der Sonderzüchter keine Zuchtauflage, die einen DNA-Test zur Bestimmung des „Trägers“ und/oder des „Zeigers“ vorschreibt.
b) Haben Züchter von Sonderfarben unter Umständen keinen Gefallen daran, Würfe zu produzieren, bei denen sich die Zahl der gefallenen Welpen mit Sonderfarben nicht vorhersehen lassen. Die Sonderfarben bringen schließlich das Geld ein.
Der allseits laute Ruf, dass Labradore in Sonderfarben sicher schon bald beim VDH anerkannt sind und gar im LCD oder DRC gezüchtet werden, diesem Ruf vermag ich in keiner Form zu folgen.
Warum nicht?
Nicht, weil sie im Grunde erbgenetisch „Mischlinge“ sind. Dafür gibt es unter den anerkannten Rassen zu viele, in denen unterschiedliche Hunderassen vereint sind. Vielleicht wird nicht mal der gesundheitliche Hintergrund allein einen Anlass bieten, Sonderfarben unter den Labbis nicht anzuerkennen.
Ich denke vielmehr, man hat aus den Fehlern des AKC gelernt. Rassereinheit, typisches Wesen, Gesundheit u n d Optik. Alles Dinge, die bei einem sonderfarbigen „Labrador“ nicht zutreffen, oder… nur bedingt.
Der Rassestandard des Labrador Retriever sieht Punkte vor, die ein Hund in Sonderfarbe nicht erfüllt, nicht erfüllen kann und das mal ganz abgesehen vom Ursprung der Rasse. Wo immer man darüber nachliest, wird man in der Geschichte des Labbis niemals auf die Farben silber, charcoal und champagner stoßen, denn es gab und gibt sie nicht als Labrador!

Neben den gesundheitlichen Aspekten bin ich nicht mal darauf eingegangen, dass Labbis in Sonderfarben oftmals auch Wesenseigenschaften wie Übernervosität, Schreckhaftigkeit, handscheu sein und mehr zeigen.
Jeder Hundehalter liebt seinen Hund und für jeden von uns ist das eigene Tier das wunderschönste Wesen auf der ganzen Welt. Das ist gut so und richtig.
Auch sind nicht alle „Sonderlinge“ krank, oder verhaltensauffällig. Wäre das so, gäbe es sicher längst das geforderte Zucht- und Verbreitungsverbot für diese Hunde.
Ich wünsche mir persönlich nur, dass jeder Mensch, der sich so einen Hund anschaffen möchte, auch weiß, auf was er sich einlässt und was auf ihn und vor allem den Hund zukommen kann (nicht zwangsläufig muss).
Und … nein! Wir Besitzer der gängigen Farben sind nicht „neidisch“ auf das vermeintlich „Besondere“.
Wir haben uns nur bewusst für eine ganz besondere Rasse entschieden, den „Labrador Retriever“ und den gibt’s nur in schwarz, braun und gelb.

Wenn dieses Thema für mich auch sehr emotional geprägt ist, so hoffe ich doch, dass ich einen informativen und neutralen Ton in meinem Bericht getroffen habe.
Es ist nicht an mir, Dinge und/oder Wesen zu bewerten, zu beurteilen. Seit meiner Doktorarbeit zu diesem Thema lässt es mich jedoch nicht los und ich hoffe, ich konnte neutral und angemessen einen kleinen und relativ verständlichen Einblick in die Thematik schaffen.
Herzliche Grüße
Daniela

© Dr. rer. biol. vet. Daniela Koppenhöfer 02/2016
© Foto: Blaue Hunde
Quellen:
-DermaVet: Farbmutantenalopezie
-Universität Bern Institut für Genetik Prof. Dr. Tosso Leeb
-Jack Vanderwyk 9/2015 „All dilutes come from Kellogg´s Dogs”
-AKC
-LabradorNet Database - Pedigrees
-Kellogg´s Weimaraner and other “coincidences”

Mittwoch, 20. Mai 2015

Perlen im Staub der Straße

Schon des Öfteren habe ich mir überlegt: "warum eigentlich immer nur das Elend fotografieren?"

Hätte ich eine wirklich gute Kamera, das Talent zu fotografieren, würde ich mich auf einer der nächsten Touren Richtung Süd- oder Osteuropa darauf beschränken all die Perlen im Staub zu suchen und zu dokumentieren.
Wahre Schönheiten, echte Charakterhunde, die man immer wieder in all dem Elend entdecken kann.
Hunde, die ihren Stolz bewahrten, ihre Freude am Leben zeigen.

Rassentypische Verhaltens- und Hormonprobleme bei Kleinhunden

Kleinhunde – Zwischen Job und Kindchenschema   

Kleine Hunde scheinen für die Haltung in unserer immer enger werdenden Welt optimal geeignet zu sein. Oft vermuten gerade auch ältere Menschen, dass ein Kleinhund für sie besser geeignet wäre als ein grösserer Artgenosse. Stimmt das wirklich?
Text:  Sophie Strodtbeck und Udo Ganslosser
Die Statistik spricht jedoch hier eine andere Sprache. Der amerikanische Hundeforscher Professor James Serpell und sein Team von der Veterinärfakultät der Universität von Pennsylvania haben viele amerikanische Hundehalter nach den Eigenschaften und Auffälligkeiten ihrer Lieblinge befragt. Die Auswertung erfolgte in mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten. Uns interessiert hier allerdings ganz besonders die Frage nach der Häufigkeit von Beissvorfällen bei Kleinhunden. Das Ergebnis verwundert zunächst. Beim Angriff auf Fremde führt der Dackel vor dem Chihuahua die Rasseliste an, und zwar in beiden Fällen mit sehr viel höheren Prozentzahlen als irgendeine andere Rasse. Auch der Jack Russell Terrier und der Beagle finden sich noch in der vorderen Gruppe. Beim Angriff auf Hunde sind Jack Russell Terrier, Chihuahua und Dackel ebenfalls noch vor dem Deutschen Schäferhund, Dobermann oder gar Rottweiler zu finden. Ebenso aussagekräftig ist die Statistik des Angriffs auf eigene Besitzer. Dort findet man den Dackel auf Platz 2, den Amerikanischen Cocker Spaniel auf Platz 3, Chihuahua und Jack Russell Terrier auf Platz 4 und 5. Betrachtet man die Werte von Aggression gegen Fremde und Furcht vor Fremden gemeinsam, so sind Dackel und Chihuahua in der Spitzengruppe. Auch Yorkshire Terrier, West Highland Terrier und Pudel finden sich weit über dem Durchschnitt.
Giftzwerg?!  
Eine mögliche Erklärung für die häufigen Verwicklungen in Aggressionsvorfälle ist, dass nach allgemeinem Verständnis kleine Hunde entweder nicht erzogen werden müssten oder (sprichwörtlich beim Dackel) ohnehin nicht erziehbar seien. Dabei zeigen viele kompetent arbeitende Jäger, dass es sehr wohl möglich ist, auch einen Dackel oder einen Jack Russell zum perfekt erzogenen Mitarbeiter zu machen.
Eine Quelle des Missverständnisses ist sicherlich auch die Tatsache, dass nicht alle Kleinhunde ursprünglich nur als kleine Gesellschaftshunde gezüchtet wurden. Die Vielzahl der kleinen Rassen macht es nahezu unmöglich, ihre Aufgaben im Einzelnen zu vergleichen. Genannt seien jedoch viele, die zur Bekämpfung von Mäusen und Ratten eingesetzt wurden, hier besonders die Kleinterrier, oder die als lebende Alarmanlagen auf kleineren Anwesen arbeiteten, wie etwa die kleinen Spitzrassen. Von besonderer Problematik ist möglicherweise auch die Art, wie kleine Hunde, etwa die Bauhundrassen Dackel oder Jack Russell Terrier, bei der Jagd eingesetzt wurden. Hier ging es nicht darum, aus dem Funktionskreis des Beutefangverhaltens Spuren zu suchen und anschliessend flüchtendes Wild zu verfolgen, sondern vielmehr darum, den Dachs oder Fuchs im Bau aufzuspüren und hinauszutreiben. Das bedeutet, dass die dabei eingesetzten Verhaltensweisen wohl nicht dem Funktionskreis des Beutefangs, sondern entweder der innerartlichen oder der zwischenartlich aggressiven Konkurrenz entstammen. Hier wird also mit echter Aggression gearbeitet und nicht mit Jagdverhalten. Dies ist besonders wichtig für die bei kleinen Hunden oftmals auftretende übertriebene Aggressivität, die dann eben auch auf andere Situationen, Begegnungen mit anderen Hunden oder gar Menschen umschlagen kann.
Ebenso erklärt sich aus der Rassegeschichte der arbeitenden Kleinhunde, dass sie sehr unabhängig vom Menschen arbeiten mussten. Die Ergebnisse sind auch heute noch erkennbar. Werden Bauhunde, etwa Dackel oder kleinere Terrier, vor eine schwer oder gar nicht lösbare Aufgabe gestellt, so dauert es viel länger, bis sie zum Beispiel Hilfe von ihrem Menschen erfragen, als dies bei Apportierhunden, Hütehunden und anderen mit dem Menschen kooperierenden Rassen der Fall ist (siehe vorigen Bericht im SHM 9/12).
Grössenwahn?! 

Die genannten rassengeschichtlichen Einflüsse und die leider oftmals falschen Vorstellungen der Halter sind jedoch wohl nicht der einzige Grund dafür, dass Kleinhunde bisweilen geradezu grössenwahnsinnig sind. Möglicherweise liegt die Ursache dabei schon im Erbgut selbst. Es wurde nachgewiesen, dass ein einziges Gen auf einem der Chromosomen der Hunde für die Wachstumsbremse verantwortlich ist. Das bedeutet, dass diese Genvariante eben dafür sorgt, dass kleine Hunde früher aufhören zu wachsen als grössere Rassen. Das selbe Gen steuert auch den Persönlichkeitsfaktor Kühnheit bzw. Wagemut. Es gibt also möglicherweise eine genetische Kopplung zwischen Kleinwuchs und Wagemut, weil das selbe Gen an verschiedenen Stellen des Gehirns und des Körpers unterschiedliche Wirkungen entfaltet. So etwas nennt man Pleiotropeneffekt. Dies ist das gleiche Phänomen wie beim Zusammenhang zwischen Fellfarbe und Persönlichkeit, der in einem der folgenden Beiträge ausführlicher erläutert werden wird. Die selbe Genvariante scheint auch mit der Langlebigkeit von Hunden gekoppelt zu sein. Die Tatsache, dass kleine Hunde oftmals wesentlich älter werden als grössere Rassen hat also möglicherweise denselben genetischen Hintergrund wie ihre gelegentliche Angriffslust und ihre geringere Körpergrösse. Andere Genorte, die den Stoffwechsel der aktivierenden Botenstoffe, beispielsweise die Katecholamine Noradrenalin («Kampfhormon») oder Dopamin («Selbstbelohnungsdroge»), steuern, sind ebenfalls bei vielen Kleinhunderassen identifiziert worden. In dieser Untersuchung einer japanischen Arbeitsgruppe ergaben sich deutliche Unterschiede in der genetischen Ausstattung des Katecholaminsystems zwischen Zwergschnauzern und Maltesern gegenüber beispielsweise Golden Retrievern und Labrador Retrievern.
In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde der «Grössenwahn» der Kleinhunde noch mit anderen physikalischen Methoden belegt. Man spielte Hunden aus einem Lautsprecher Knurrlaute vor, die technisch so verändert waren, dass sie auf Hunde unterschiedlicher Körpergrösse schliessen liessen. Letztlich kann ja ein kleiner Hund aus rein physikalischen Gründen nicht so tief knurren wie ein grosser. Getestet wurde nun, ob und in welcher Weise die Hunde auf den vorgespielten Knurrlaut antworteten. Grosse und auch mittelgrosse Testhunde antworteten nahezu ausschliesslich auf Knurrlaute von Artgenossen ihrer eigenen Grössenkategorie. Kleine Hunde dagegen knurrten alle an. Ähnliches galt für einen optischen Attrappenversuch. Hierbei wurden Hundesilhouetten unterschiedlicher Grösse an die Wand projiziert. Auch dabei reagierten Kleinhunde ganz heftig auf Hunde aller Grössenkategorien, während mittelgrosse und grosse Hunde sich auch hier darauf beschränkten, mit gleich grossen Artgenossen zu kommunizieren.
Gesundheitliche Probleme?! 
Neben diesen aus verhaltensbiologischen und möglicherweise genetischen Gründen schon charakteristischen Eigenschaften wird jedoch auch der Körperbau selber den Kleinhunden oftmals zum Fluch. Zentral für das Verständnis dieser Probleme ist der Begriff der Allometrie. Kurz gesagt, bedeutet dieser Begriff, dass bei Verkleinerung oder Vergrösserung eines Tieres nicht alle Organe im gleichen Mass wie die gesamte Körpergrösse wachsen. Bekanntermassen haben beispielsweise sehr grosse Rassen ein kleineres Gehirn und sehr kleine Rassen ein im Verhältnis zur Körpergrösse gesehen relativ grösseres Gehirn. Bereits mit dieser unterschiedlichen Gehirngrösse werden wir anschliessend im Zusammenhang mit den Fehlentwicklungen in der Schädelbildung nochmals zu tun bekommen.
Die allometrischen Prinzipien gelten jedoch nicht nur fürs Gehirn, sondern für nahezu alle anderen inneren Organe oder auch das Skelett. So können bei Verkleinerung einer Tierart nicht alle Organe im gleichen Masse schrumpfen. Herz- und Kreislaufsystem oder auch das Darmsystem müssen schlichtweg grösser bleiben, sonst können sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Das wiederum bedeutet aber, dass zum Erreichen des gewünschten Minigewichts dann andere Organsysteme zurückbleiben müssen. Dies betrifft zum Beispiel das Skelett und auch die zugehörige Skelettmuskulatur – die Knochen kleiner Hunde sind daher oft besonders empfindlich und brüchig. Schon ein Sturz von einer oder zwei Treppenstufen kann lebensbedrohlich sein. Weil das Gehirn eben nicht beliebig verkleinert werden kann, ändert sich auch die Schädelgestalt. Das wiederum ist leider in der heutigen Zeit beim kleinen Gesellschaftshund schon wieder ein Selektionsfaktor. Das Kindchenschema mit den grossen, leicht hervorquellenden Augen, der gerundeten hohen Stirn, der kurzen bis nicht mehr vorhandenen Schnauze, alle diese Faktoren wirken auf viele Menschen unwillkürlich niedlich und lösen pseudoelterliche Gefühle aus. Je mehr ein Hund diesem Kindchenschema entspricht, desto herziger und niedlicher findet man ihn.
Leider lassen sich aber die genannten allometrischen Prinzipien dadurch nicht aushebeln. Kleine Hunde haben oft erhebliche Probleme in der Schädelbildung. Oftmals bleiben die Fontanellen, also die Fenster zwischen den Schädelknochen offen, oder das Kleinhirn passt nicht mehr in die Schädelhöhle und verschiebt sich so stark in den Rückenmarkskanal, sodass permanente neurologische Defekte und Störungen daraus resultieren. Gerade der letztgenannte Fall ist eine typische neurologische Erkrankung bei kleinen Hunden. Sehr oft findet man diesen Defekt bei Cavalier King Charles Spaniels, aber auch bei anderen Kleinhunderassen.
Auch die Hitzeempfindlichkeit vieler Kleinhunde geht unter anderem auf dieses Kindchenschema zurück. Möpse und andere besonders pummelige Kleinhunde haben ohnehin Schwierigkeiten, ihre Körpertemperatur über die Körperoberfläche zu regulieren. Besonders fatal wirkt sich aber die Verkürzung der Nasenräume und des Gaumensegels aus. Bei kurzer bis nicht mehr vorhandener Schnauze bleibt einfach kein Platz für die sogenannten Nasenmuscheln. Diese dünnen Knochenplättchen tragen die Nasenschleimhaut, die ja überwiegend nicht zum Riechen, sondern zur Kühlung der Luft und zur Wärmeabgabe benötigt wird.
Betrachtet man die Körperproportionen von kleinen und grossen Hunden, so fallen zwei unterschiedliche Gruppen dabei auf: Die eine Gruppe sind die weitgehend proportional verkleinerten Hunde, bei denen alle Organe und Knochen, soweit eben möglich, gleichermassen geschrumpft sind. Diese haben vor allem Probleme mit den bereits erwähnten dünnen und bruchanfälligen Knochen, mit den übergrossen inneren Organen, und sie sind gegebenenfalls auch temperaturempfindlich. Unproportional verkleinerte Hunde, etwa Dackel oder manche Kleinterrier, sind buchstäblich zu lang für ihre Grösse, da die Beine übermässig verkürzt erscheinen. Hier sind dann Rückenprobleme, Bandscheibenanfälligkeiten und andere orthopädische Schwierigkeiten zu befürchten. Unproportional auf Kindchenschema verkleinerte Kleinhunde haben die oben genannten Schwierigkeiten im Schädelverschluss und im Bau des Gehirns. Auch Zahnfehlstellungen, Atemprobleme und andere Schwierigkeiten sind im Falle unproportionaler Verkleinerung in Richtung Kindchenschema häufig.
Ein Hund ist ein Hund! 

Aus verhaltensbiologischer Sicht genauso bedeutsam ist jedoch, dass auch Kleinhunde als reguläre Hunde die gleichen Bedürfnisse und Ansprüche an ihre Haltung haben wie grössere. Auch Kleinhunde haben Beine zum Laufen, eine Nase zum Schnuppern und Zähne zum Kauen. Und sie haben ein Gehirn, dass mindesten ebenso trainierbar ist wie das von grösseren Rassen. Betrachten wir nochmals die Ergebnisse der bereits im letzten Teil ausführlicher behandelden Budapester Vergleichsstudie, so liegen die meisten Kleinhunde im Bereich Trainierbarkeit durchaus im Mittelfeld, teilweise auch oberhalb des mittleren Bereichs. Die folgende Tabelle zeigt einige charakteristische Werte:
Rasse Emotionale Stabilität Trainierbarkeit Geselligkeitmit Hunden Extrovertiertheit
Chihuahua 83 60 94 65
Dackel 53 61 73 49
Havaneser 20 50 38 69
Jack Russel 82 25 84 8
Zwergdackel 55 52 43 77
Zwergpinscher 92 46 54 9
Zwergpudel 60 51 78 79
West Highland 52 68 51 39
Yorkshire 86 79 49 40

Aus diesen Angaben und Erfahrungsberichten vieler Kleinhundehalter ergibt sich, dass wir kleine Hunde schlichtweg wie Hunde behandeln müssen. Kleine Hunde sind gut trainierbar, sind erziehbar und haben bei richtiger Führung mindestens ebenso viel Spass am Leben und an der Zusammenarbeit mit ihren Menschen wie grosse Rassen. Als «Couchpotato» sind sie genauso wenig geeignet wie ein grösserer Artgenosse. Wenn dies berücksichtigt wird und man bei der Anschaffung auf die Auswüchse eines einseitigen Rassenverkleinerungswahn verzichtet, können Kleinhunde nicht nur liebenswerte, sondern sehr bemerkenswerte Familienmitglieder und Kumpane werden.
Und darauf, dass man auch von den Haltern «normaler Hunde» mit einem Kleinhund oft nur milde belächelt wird, kann man zum Beispiel kontern: «Der ist nicht klein, das ist ein Konzentrat!»

 http://hundemagazin.ch/wp-content/uploads/2013/12/38-41_Verhalten.pdf

Freitag, 15. Mai 2015

Telefonische Erreichbarkeit der Pension

Da wir leider (ländlich wohnend bedingt) oftmals über kein sehr gutes Mobilfunknetz verfügen, können Sie uns am Besten unter der Festnetznummer:
02545-935868 erreichen.

Sollten wir uns mit unseren vierbeinigen Gästen draußen befinden, oder rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten (Mo.-Sa. von 8:00-12:00 und 14:30-19:00 Uhr) an hinterlassen Sie gern auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht inkl. Ihrer Telefonnummer, wir rufen dann schnellstmöglich zurück.

Mausi

https://www.youtube.com/watch?v=zRtuCZTcQ_Q